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Zwischen Plüschtieren und Politik

08.06.2007

Petra Arnold-Christ arbeitet als Tagesmutter für drei Kinder - aus der Ruhe bringt sie aber nur die Bürokratie- MAINTAL. Der Hindernislauf beginnt um acht. Die blonde Frau sucht ihren Weg zwischen Bauklötzen und Stofftieren, sie trägt Hans auf dem Arm und hört Robin zu, während Jakob ein Bilderbuch anschleppt. „Mama, Mama!", ruft er. Was wohl heißen soll: „Lies mir was vor!" Petra Arnold-Christ ist eine gefragte Frau. „Eigentlich brauchte man sieben Ohren", sagt sie und lacht. Es ist ein hektischer Morgen, ein ganz normaler also.

Dutzende Male wird Jakob an diesem Vormittag „Mama, Mama" rufen, obwohl die Frau gar nicht seine Mutter ist. „Er ist eben schon so lange bei mir", sagt sie. Drei Kinder hat die 45 Jahre alte Tagesmutter aus Maintal derzeit in ihrer Obhut, den Zweitklässler Robin sowie Hans, 15 Monate, und Jakob, 18 Monate. Jakob ist der Herr im Haus. Er posiert mit Zauberhut auf dem Kopf, räumt den Bauklötzekasten leer und wirft Legosteine nach dem Hund. Die Kleinen werden morgens von ihren Müttern gebracht, Robin kommt nach der Schule dazu. Bis 14 Uhr bleiben sie, der Nachmittag gehört Petras Familie. Das hatten sich ihre eigenen drei Kinder so gewünscht. „Es wird alles abgesprochen", sagt sie. „Der Job verlangt nach klaren Regeln."

Die sehen dann so aus: Bevor Petra Arnold-Christ ein neues Pflegekind zu sich nimmt, trifft sich ihre Familie jedes Mal mit der des Kindes. Man trinkt Kaffee, zeigt Haus und Hof und berät sich. Jeder in der Familie Arnold-Christ hat dann ein „Vetorecht". Einmal haben sie sich auf diese Weise gegen ein Kind entschieden, weil dessen Vater beim Rundgang durchs Haus in den Büchern der Tochter gestöbert hatte. „Sie waren distanzlos", hat die Tagesmutter dem Mann dann gesagt.
Aber es gibt noch mehr zu beachten: Das Erdgeschoss ihres Hauses wurde zur „spielzeugfreien Zone" erklärt, der erste Stock gehört den eigenen Kindern, und ganz oben unter dem Dach haben die Pflegekinder ihr Reich. Sie spielen, toben, lachen, greinen und machen sich die Hosen voll. Ihre „Mama" strahlt sie an, macht große Augen, spielt mit, schlichtet Streit und trocknet Tränen. Die zierliche Frau ist nicht aus der Ruhe zu bringen.
Was sie energisch werden lässt, sind ganz andere Dinge. Als ihre Schützlinge gegen zehn Uhr die erste Siesta halten, redet sie Tacheles. Es geht um Politik. „Sozial- und Finanzpolitik passen einfach nicht zusammen", sagt sie. Einerseits wolle man Tagesmütter fördern, andererseits verweigere man ihnen einen angemessenen Verdienst. Tagesmütter, von denen es in Maintal rund zwanzig gibt, dürfen nicht mehr als 350 Euro im Monat verdienen, wollen sie nicht aus der Familienversicherung herausfallen und eigene Beiträge zur Krankenversicherung zahlen. Petra Arnold-Christ verdient deshalb netto nicht mehr als 270 Euro im Monat. Dafür betreut sie an vier Tagen in der Woche halbtags drei Kinder. Rechnet sich denn das? „Nein", sagt sie, „aber ich arbeite nun mal gerne in meinem Beruf."
Bevor Petra im Jahr 2000 als Tagesmutter anfing, war die gelernte Sozialarbeiterin in einer Kinderkrippe im Frankfurter Gallusviertel beschäftigt. Diesen Job hat sie aufgegeben, weil sie sich dort zu weit weg von ihren eigenen Kindern fühlte, die alle im Umkreis von Maintal zur Schule gehen. „Wenn da mal jemand früher aus der Schule nach Hause kommt, ist keiner da." Das wollte sie nicht und hat nach einer anderen Lösung gesucht. Sie hat eine gefunden, aber wirklich zufrieden ist sie damit nicht. Ein weiterer Grund dafür sei der „enorme bürokratische Aufwand". Bevor Tagesmütter ihre Arbeit aufnehmen dürfen, müssen sie beim Jugendamt eine Pflegeerlaubnis beantragen, Gesundheits- und polizeiliche Führungszeugnisse sind vorzulegen, ein Erste-Hilfe-Kursus für Kleinkinder muss belegt werden. Außerdem, so sagt Petra Arnold-Christ, werde von den Tagesmüttern in Maintal verlangt, in einem Jahr 120 Stunden in Fortbildungskursen zu absolvieren, die nicht vergütet würden. „Dieser Aufwand wirkt abschreckend", sagt sie und befürchtet, dass viele Frauen versucht sein könnten, in diesem Beruf schwarz zu arbeiten.
Die Fünfundvierzigjährige will das nicht. Selbstbewusst schiebt sie den Doppelkinderwagen beim Spaziergang durch Maintals Straßen und umkurvt die Mülltonnen auf dem Gehweg, derweil Robin hinter dem Hund her hechelt. Er muss an diesem Tag später zur Schule gehen und kann den Spaziergang mitmachen, der für Arnold-Christ zum allmorgendlichen Ritual gehört. Täglich treffen sich auch die anderen Hundebesitzer des Ortes am Rand der Wiese zum frühen Plausch.

Eine junge Frau mit runden Bauch steht dort; sie hat Petra erst kürzlich gebeten, ihr Baby zu sich zu nehmen, wenn es im Oktober zur Welt gekommen sein wird. Die Floristin möchte während des Weihnachtsgeschäfts in Teilzeit arbeiten. Petra Arnold-Christ hat zugesagt, obwohl sie eigentlich nur zwei Kleinkinder gleichzeitig betreuen will. Aber in diesem Fall macht sie eine Ausnahme - falls ihr Mann oder ihre Kinder kein Veto einlegen.

Quelle: 06/08/07, Frankfurter Allgemeine Zeitung / Magdalena Bopp

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