Wunsch nach besser qualifizierten Tagesmüttern
08.06.2007
Das hessische Tagespflegebüro berät in Betreuungsfragen - MAINTAL. Hessens Norden ist weiß. Auf der Karte im Büro von Ursula Diez-König stecken nur in größeren Städten wie Kassel Fähnchen, die einen organisierten Tagesmütterdienst anzeigen. Weiter im Süden wird das Land bunt - in der Rhein-Main-Region, wo es etliche Angebote mehrerer Träger gibt. „Nordhessen ist eher ländlich geprägt", sagt Diez-König, die Leiterin des hessischen Tagespflegebüros. Dort könne die Kinderbetreuung noch anders geregelt werden als in einem Ballungsraum.
Mitten in diesem Ballungsraum Rhein-Main liegt auch Diez-Königs Büro. Sie arbeitet im Rathaus von Maintal und ist jeweils zur Hälfte zuständig für den Fachdienst Kinder- und Familienförderung, zu dem das kommunale Tagesmütterprogramm gehört, und das Tagespflegebüro, das als Beratungsstelle für ganz Hessen fungiert.
Seit 1995 gibt es diese vom Land finanzierte Stelle; in Maintal ist sie angesiedelt, weil die Kommune schon seit 1991 ein Tagespflegeprojekt unterhält. An Fahrt gewonnen hat die Entwicklung von Tagesmütterdiensten Diez-König zufolge vor allem in den vergangenen sechs Jahren, auch durch Förderprogramme des Landes. Wichtige Veränderungen gab es mit den 2005 in Kraft getretenen bundesgesetzlichen Bestimmungen. Wichtig sind vor allem zwei: Tagesmütter brauchen seither von den jeweiligen Jugendämtern eine zunächst auf fünf Jahre befristete und für bis zu fünf Kinder geltende Erlaubnis, wenn sie „Kinder mehr als 15 Stunden wöchentlich gegen Entgelt länger als drei Monate" betreuen. Und sie müssen sich in Kursen qualifizieren, um diese Erlaubnis zu bekommen.
„In jedem hessischen Kreis gibt es ein Qualifizierungsangebot", sagt Diez-König. In der Regel umfasst dieses Angebot 45 Stunden, in denen Erste Hilfe, Entwicklungspsychologie und juristische Grundlagen gelehrt werden. Für Diez-König ist das noch zu wenig. Sie hält einen vom Deutschen Jugendinstitut entwickelten, 160 Stunden umfassenden Kursus für wünschenswert, an dessen Ende ein Zertifikat des "Bundesverbands Tagesmütter" steht. Zwei Träger in Hessen - Vereine in Eschborn und Bensheim - arbeiten nach den Worten von Diez-König in dieser Weise mit dem Bundesverband zusammen.
Wie viele Tagesmütter es in Hessen gibt, kann sie nur schätzen. Verlässliche Zahlen fehlen bisher. Diez-König geht davon aus, dass es rund 4400 sein müssen. "Bald bekommen wir realistische Zahlen." Die Bezahlung sei in Hessen regional sehr unterschiedlich. Koste die Betreuung in Nordhessen 2,50 bis drei Euro je Kind und Stunde, seien dies in Maintal 3,50 bis vier Euro und in Frankfurt zehn Euro oder mehr. Für manche Tagesmütter kämen so 800 bis 1000 Euro brutto im Monat zusammen. „Die Arbeit als Tagesmutter ist eine selbständige Tätigkeit", schildert Diez-König. Es gebe Tagesmütter, die ihre Arbeit zur Profession gemacht hätten und unternehmerisch tätig seien. „Aber viele Tagesmütter achten auch darauf, dass sie mit ihrem Gewinn nicht über die Grenze von etwa 350 Euro kommen, damit sie in der Familienversicherung bleiben können."
Tagespflegekräfte können aus Landesmitteln gefördert werden. Seit diesem Jahr bekommen sie 100 Euro je Kleinkind und Monat, wenn sie es zwischen 15 und 25 Wochenstunden betreuen, und 200 Euro, wenn sie es mehr als 25 Stunden betreuen. Der Förderbetrag des Landes aus dessen „Bambini"-Programm, der der Tagesmutter vom jeweiligen Jugendamt weitergeleitet wird, darf allerdings für alle betreuten Kinder zusammen 800 Euro im Monat nicht überschreiten. Nach einem neuen Schreiben des Bundesfinanzministeriums müssen diese Zuschüsse allerdings versteuert werden. Einige Kommunen zahlen den Tagesmüttern darüber hinaus einen Zuschuss zur Altersvorsorge. Aus einem anderen Landesprogramm, der „Offensive für Kinderbetreuung", werden Tagesmütter gefördert, die Kinder vom dritten Lebensjahr an betreuen.
„In Hessen wird viel getan", sagt Diez-König und verweist nicht nur auf die finanzielle Anerkennung des Tagespflegedienstes durch das Land und die Kommunen, sondern auch auf die Förderung von Fachdiensten für Kindertagespflege. 106 dieser von der öffentlichen Hand oder anderen Organisationen getragenen Beratungsstellen gibt es mittlerweile im Land. Diez-König hält es jedoch für nötig, „dass der Ausbau weiter qualifiziert betrieben wird".
Besonders dort, wo es noch keinen solchen Fachdienst gibt, legt die Expertin großen Wert auf die Kooperation von Tagesmüttern und Kindertagesstätten. In den Einrichtungen könnten beispielsweise Informationsveranstaltungen über Tagespflege stattfinden. „Jene Zusammenarbeit ist sogar gesetzlich gefordert." In Maintal etwa nähmen Erzieherinnen und Tagesmütter gemeinsam an Fortbildungsveranstaltungen teil, die während der Erprobungsphase des hessischen Bildungs- und Erziehungsplans angeboten würden. Dieser Plan enthält ein Bildungskonzept für Kinder bis 10 Jahre.
Diez-König rät Eltern und Tagesmüttern, Verträge anzuschließen. Geregelt werden können nicht nur der zeitliche Umfang der Betreuung, sondern auch Vorstellungen über die Erziehung des Kleinkindes. Solche Verträge seien wichtig, "denn Absprachen bauen Konflikten vor".
Betreuung I: Bad Homburg
Als vorbildhaft würdigt das Sozialministerium die Regelungen in Bad Homburg. Sie gehören zu „Best-practice-Beispielen", die auf der Internetseite des hessischen Tagespflegebüros (Adresse siehe Bericht auf dieser Seite) aufgeführt sind. Wie die Stadt Bad Homburg mitteilt, erstattet die Kommune anerkannten Tagespflegepersonen Beiträge zur gesetzlichen Unfallversicherung: rund 80 Euro pro Person im Jahr. Auch zahle die Stadt je nach Betreuungsumfang bis zu 102 Euro monatlich zur Altersvorsorge. Eltern, „die berufstätig sind, sich in Ausbildung oder in besonderen Lebensumständen befinden", müssten auf Antrag nur bestimmte Kosten leisten. Der Höchstsatz für eine Ganztagsbetreuung betrage derzeit 120 Euro im Monat. Die Eltern zahlten das Geld an das Jugendamt, dieses übernehme dafür die überwiegenden Kosten in Form von Pflegegeldpauschalen. In den Stadtteilen verträten sich Tagesmütter, um „eine kontinuierliche Kinderbetreuung" anbieten zu können, (toe.)
Betreuung II: Frankfurt
In Frankfurt soll die Arbeit von Tagesmüttern vom nächsten Jahr an finanziell gefördert werden. Das sehen Pläne aus dem Bildungsdezernat von Jutta Ebeling (Die Grünen) vor, das auch für die Kinderbetreuung zuständig ist. Vorgeschlagen wird ein Zuschuss von etwa 350 Euro je Kind und Monat, von dem ein Teil der Altersvorsorge von Tagesmüttern gilt. Der Idee, die im Etat 2008 verankert werden soll, müssen die Stadtverordneten noch zustimmen. Das Dezernat arbeitet derzeit an einer entsprechenden Vorlage. Unter Berücksichtigung von Landeszuschüssen hätten Eltern dann einen Beitrag von etwas mehr als einem Drittel zu leisten, rechnet das Dezernat vor. Derzeit sind bei der Stadt rund 325 Tagesmütter gemeldet, die 785 Plätze zur Verfügung stellen. Die Förderung hält das Bildungsdezernat für wichtig, um die „Säule" der Kinderbetreuung durch Tagesmütter zu stärken und sie nicht nur Eltern zur Verfügung zu stellen, „die es sich leisten können", (toe.)
http://www.hessisches-tagespflegebuero.de
Quelle: 06/08/07, Frankfurter Allgemeine Zeitung / Stefan Toepfer