13. Fachtagung für Kindertagespflege - Maria Aarts begeisterte in Bensheim
17.12.2008
Der 13. Fachtag am 15.11.08 wird allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch lange im Gedächtnis bleiben. Unter dem Titel „Entwicklungsunterstützung in Alltagssituationen – Marte Meo in der Familientagesbetreuung“ veranstaltete die Landesservicestelle „Hessisches Kindertagespflegebüro“ in Kooperation mit der Tageselternbörse Bensheim und dem Main-Kinzig-Kreis eine Tagung mit dem Titel „Entwicklungsunterstützung in Alltagssituationen - Marte Meo in der Familientagesbetreuung.“ Als Referentin konnte Maria Aarts, Begründerin des Marte Meo-Konzepts, gewonnen werden.
Die Möglichkeit, die bekannte Pädagogin aus Holland einmal live zu erleben, stieß auf so großes Interesse, dass die verfügbaren Plätze in kurzer Zeit ausgebucht waren. Das Feld der rund 230 Teilnehmer war breit gefächert: neben Tagesmüttern und –vätern aus verschiedenen Regionen Hessens waren auch Fachberaterinnen öffentlicher und freier Träger für Kindertagespflege anwesend, Fachkräfte institutioneller Einrichtungen, Vertreterinnen des Hessischen Sozialministeriums und des Hessischen Landesverbandes für Kindertagespflege e. V. Und das Publikum wurde von Maria Aarts nicht enttäuscht. Mitreißend, humorvoll und mit Anekdoten gewürzt, sprach die Gastrednerin insgesamt fast 4 Stunden über die Marte Meo-Methode und ihre Erfahrungen damit. So berichtete sie von Schlüsselmomenten in ihrem Leben, die sie zu immer weiterführenden Fragen und Antworten, schließlich zur Entwicklung ihrer videounterstützten Interaktionsanalyse führten.
Die videounterstützte Interaktionsanalyse bildet bis heute die Basis der Arbeit nach dem Konzept von Marte Meo, was so viel bedeutet wie Entwicklung „aus eigener Kraft“. Die Methode zielt darauf ab, Eltern zu befähigen, ihre Kinder bei der selbständigen Problemlösung, und damit der eigenständigen Entwicklung, zu unterstützen. Auch Kinder mit speziellen Bedürfnissen: Schreikinder, autistische/behinderte Kinder, Kinder mit ADS oder ADHS und speziellen Schulproblematiken können durch Aarts’ Methode in ihrer Entwicklung unterstützt werden.
Den wichtigsten Baustein des Marte Meo Konzeptes bildet die Beobachtung. In Alltagssituationen findet Entwicklung statt, sagt Maria Aarts und deshalb legt sie großen Wert darauf, Familien in genau solchen Situationen zu begleiten und zu filmen. Die entstandenen Videoaufnahmen werden anschließend von Marte Meo Therapeuten analysiert. Den Eltern bzw. Bezugspersonen kann so genau gezeigt werden, in welchen Momenten entwicklungsunterstützende Interaktion mit ihren Kindern stattfindet oder stattfinden könnte. Ziel der Beobachtung ist es, Eltern zu unterstützen, ihre eigenen Ressourcen zu entdecken, die Signale ihrer Kinder zu deuten, ihre Kinder auf diese Weise besser kennenzulernen und somit bewusster und aktiver die kindliche Entwicklung zu fördern. Förderung geschieht, indem Eltern der Initiative, dem Impuls ihres Kindes folgen, ihm aber dann auch wieder durch sogenannte „positive Leitung“ Orientierung bieten. Mittels Schritt-für-Schritt-Anleitung („detailed guidance“) sollen Kinder ermutigt werden, bestimmte Entwicklungsschritte selbst zu gehen und positive Verhaltensweisen zu erwerben. Das Benennen der einzelnen Schritte ist dabei nach Aarts außerordentlich wichtig. Beobachtung, Beratung, Übung und wiederholte Beobachtung sind die Eckpunkte des Trainings mit ausgebildeten Marte Meo Therapeuten.
Maria Aarts entdeckte durch die praktische Beobachtung und Reflektion, wie Kinder sich entwickeln und baute ihre pädagogische Methode auf diesem Wissen auf. Ihre dadurch gewonnen Erkenntnisse werden mittlerweile durch die Hirnforschung belegt. Das Marte Meo Konzept wird weltweit angewendet: in Deutschland, der Schweiz, den skandinavischen Ländern, Irland, Australien, China, Indien und vielen mehr. Die Methode basiert auf einfachen Gedanken und Strukturen – jeder soll Marte Meo verstehen und anwenden können, nicht nur Menschen mit einem bestimmten Bildungsgrad, meint Maria Aarts. Sie ist überzeugt von der Einfachheit, dem Nuancenreichtum und der Effektivität natürlicher Anlagen, mit denen wir auf die Welt kommen. So wie viele Dinge von Eltern und Bezugspersonen intuitiv bei der Betreuung, Erziehung und Förderung von Kindern richtig gemacht werden: z. B. das melodische Sprechen schon mit dem Säugling oder eine neue Situation erst zu benennen und dann zu gestalten. Das pädagogische Konzept, Entwicklung „aus eigener Kraft“ zu gestalten, dient demnach nicht zuletzt der Unterstützung und Stärkung der bereits vorhandenen Intuition.
Maria Aarts gestaltete ihren Vortrag sehr lebendig und demonstrierte anhand ihres eigenen mitgebrachten Videomaterials die Arbeit einer Marte Meo Therapeutin. In der Veranstaltungspause stand sie als Ansprechpartnerin für Fragen zur Verfügung und stellte ihre Publikationen vor. Besonderes Interesse herrschte an ihrem neuen Buch, das im Dezember in deutscher Sprache erscheinen wird: „Marte Meo Basic Manual. 2nd Edition“ (Marte Meo Grundlagen Handbuch. 2. Ausgabe) und das die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachtags zum Sonderpreis vorbestellen konnten.
Die Erfahrungen dieses Fachtags sind in doppelter Hinsicht wichtig: zum einen zeigte sich einmal mehr, wie groß das Interesse der Tagesmütter und –väter an Weiterbildungs- und Qualifizierungsangeboten ist. Zum anderen wurde deutlich, welchen positiven Einfluss die Tagespflegepersonen auf die Betreuung, Erziehung und Förderung ihrer Schützlinge nehmen können, wenn sie gut qualifiziert sind. Maria Aarts sagte: „Der Satz: ‚je mehr man studiert, desto mehr weiß man von Kindern’, gilt nicht“. Gemeint ist die Tatsache, dass neben die theoretische Ausbildung im besonderen Maße die reflektierte, praktische Erfahrung treten muss um Kinder in ihrer Entwicklung erfolgreich unterstützen zu können. Für die Kindertagespflege, die stark von der Vermischung aus Ausbildungs- und Erfahrungswissen profitiert, stimmt diese Aussage voll und ganz.
Mühlheim, den 19.11.08
Anne Taistra / Hessisches KinderTagespflegeBüro